Der Weg ist nicht das Ziel
Pastoralreferent Josef Ellner berichtete über
Lügen und Geheimnisse auf dem Jakobusweg
Vier Monate lang und 3000 Kilometer zu Fuß war Josef Ellner letzten Sommer unterwegs, um dem Pilgerboom nach Santiago de Compostela auf den Zahn zu fühlen.
Bei seinem Erlebnisbericht wurden nun die Zuhörer nicht etwa chronologisch Tag für Tag und Ort für Ort an das Apostelgrab herangeführt. Vielmehr richtete Josef Ellner sein Interesse auf Grundgegebenheiten und Geheimnisse des Pilgerlebens im Allgemeinen und auf die modernen „Muschelpilger“ ins Besondere. Seit Politiker, Popstars und Komiker den Camino kommerzialisieren, wird es schnell mal eng und turbulent auf den letzten Kilometern in Spanien. Entsprechend vielfältig erwiesen sich die Anekdoten, Bilder, Geschichten und Enthüllungen entlang der Route von Bamberg bis Finisterre, der Atlantikküste hinter Santiago. Was bereits vor dem Start alles durch den Kopf irrt, davon wusste Josef Ellner zunächst zu berichten: Vorbereitungsängste, Ausrüstungsfragen, Streckenwahl, dubiose Berichte anderer Wallfahrer, Pilgerchatrooms im Internet, die mehr Fragen aufwerfen als das sie Antworten geben. Da war es das Beste, einfach aufzubrechen, zu schauen, was passiert und die Taschen immer schön offen zu lassen. Nur so bekommt man unterwegs etwas zugesteckt!
Eine Auswahl von Herbergserlebnissen zeigte: Niemand muss Angst haben um ein Quartier. Besonders wenn man alleine unterwegs ist, ob in Deutschland oder später in südlichen Gebieten. Überall begegnet ein hohes Maß an Gastfreundschaft. Trotz fehlender Sprachkenntnisse fand sich immer ein Bett, meist privat oder in kirchlichen Einrichtungen. Klar, dass es da zu kuriosen Begegnungen kommt, wenn man etwa mit 21 Pferden einen Raum teilt, allein mit 72 Nonnen ein Kloster oder Kinder schnell mal zu Nachbarn ausquartiert werden, damit der „Herr Pilger“ ein Bett hat. Und wenn es dann an das Bezahlen ging, war die Rechnung oft schon wundersam beglichen…
Nicht nur kunsthistorisch besticht der Weg nach Santiago als Europäischer Pilgerweg ersten Ranges. Auch kulinarisch offenbart sich eine Reise, die dem neugierigem Schleckermaul täglich Neues auftischt. Ein „Leberkäsbrötchen-Kontest“ zwischen Bamberg und Speyer, die für Franken unaussprechbaren Spezialitäten Frankreichs und Spaniens, und nicht zuletzt die Vielfalt des Weines zwischen dem Bullenheimer Paradies und den teuren Lagen des Riojas lassen sinnenhaft begreifen: Pilgern hat nichts mit Fasten zu tun. Das lernt auf diesem Weg selbst ein frommer Katholik ganz zügig.
Pilgern ist Bewegung, erst recht aber Begegnung. Alleine unterwegs lebt nämlich das Vorwärtskommen von den unterschiedlichsten Begegnungen mit anderen Kulturen und Baudenkmälern, mit Tieren und Natur. Am heftigsten aber bleiben in Erinnerung die freundschaftlichen, manchmal eigentümlichen Begegnungen mit den Menschen entlang des Weges. Vor allem die Mitpilger, die spätestens ab Spanien den Weg überschwemmen, prägen den Jakobusweg in den schillerndsten Facetten. Hier, gegen Ende des Weges, immer wieder auch Ruhe und Gelassenheit zu finden, das war selbst für einen wallfahrtserprobten Pastoralreferenten nicht immer einfach.
3000 Kilometer Fußweg, jeden Tag Rucksack packen, jeden Morgen ins Ungewisse laufen, all dies provoziert natürlich auch jede Menge an Stolpern und Straucheln, nicht nur im körperlichen Sinn. Kein Tag vergeht, wo nicht die Frage auftaucht: „Wofür quäle ich mich hier eigentlich?“ Diese Momente fragen nach der eigenen Motivation. Im Gespräch mit vielen Pilgern stellte Josef Ellner fest, dass die Beweggründe für eine Pilgerschaft sich seit Jahrhunderten nicht geändert haben: von religiösen Motiven bis zum biederen Prestigegedanken, von Gesundheitswahn bis Abenteuerlust. Selbst das mittelalterliche „Pilgern als Strafe“ lockt moderne Menschen noch heute unter das Zeichen der Muschel.
Ein Hund und nicht der Apostel läge in Santiago begraben, so vermutete schon Martin Luther und kritisierte damit den Jakobuswegkult. Und dass der Weg nicht das Ziel sein kann, das lernt sogar der einfältigste Pilger, wenn er sich an jeder Straßenkreuzung neu entscheiden muss. Täglich stundenlang zu Fuß unterwegs, da erscheinen abgedroschenes Pilgerlatein und christliche Wallfahrtsüberlegungen unter neuem Licht. Unterwegs werden gänzlich unvermutet andere Menschen und Orte zu besonderen Offenbarungen, von denen kein Pilgerführer vorher erzählt, kein Buch informiert und kein Vortrag warnt. Sie zu finden ohne sie gesucht zu haben, dass ist wohl der Zauber, den dieser Weg bereit hält. Wer sein Leben einmal abschreiten will, wer - nicht nur geographisch - bis ans Äußerste gehen möchte, hat mit dem unüberschaubaren Wegenetz des Jakobuswegs ein treffliches Angebot. Vorausgesetzt, man setzt sich dem Alleinsein und dem Fremden bewusst aus.
Neben diesen besonderen Begegnungen, erzählte Josef Ellner abschließend von einem unterschätzten Stück Pilgerschaft: Der Weg nach Hause. Der vergessene Pilgerweg Richtung Heimat wird gerne viel zu schludrig, viel zu schnell und oft gänzlich unüberlegt abgewickelt. In zwei Stunden zurückfliegen, was man in 120 Tagen „begangen“ hat? Für den Referenten eine Horrorvorstellung. Für ihn ist der Weg zurück, der Weg in den Alltag, der schwierigste Abschnitt des Pilgerns. Zeigt sich doch erst dort, im Alltäglichen, ob und wie das eigene Herz unterwegs gewachsen ist.
Die Kommentare zu diesen Bildern, zeigen die interessante Art seiner Erzählung über seine Pilgerung.
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Josef Ellner  |
Keiner nimmt dir, was du „begangen“ hast - unterwegs auf dem Spanischen Camino
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Josef Ellner  |
Auch ohne Google Earth und GPS leicht zu finden: Der Weg nach Santiago de Compostela
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Josef Ellner  |
Die Wertschätzung des Einfachen lehrt der Weg jeden Tag – Wasserbrunnen in der Meseta
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Josef Ellner  |
Keiner kommt allein ans Ziel – „eiserne“ Pilgergruppe bei Pamplona
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