Über uns | Aktuelles | Geschichte | Priester | Mitarbeiter | Kindergärten | Gruppen und Kreise | Lesesaal
Boxbild
  Druckversion   Seite versenden

Die Fastenzeit
und der Kreuzwerg

 

Kreuzweg von Dávid Mária Kiss


Kreuzweg
von
Dávid Mária Kiss

 
Den nachfolgenden Kreuzweg möchte ich hier veröffentlichen.
Er ist vom bischöflichen Hilfswerk MISEREOR für die Fastenzeit 2006 herausgegeben worden. Die Künstlerin Dávid Maria Kiss hat auf moderne Weise und mit einfachen Strichen das Leiden des Herrn dargestellt.

Es ist seit dem Mittelalter eine gute Tradition, die Stationen des Kreuzweges zu betrachten. Ungezählte Menschen fanden und finden immer wieder beim Beten des Kreuzwegs, Kraft und Trost  ihr eigenes Leidenin der Nachfolge Christi besser zu bewältigen.

Zu der Kreuzwegandachten in unserer Pfarrei während der Fastenzeit lade ich Alle herzlich ein.:
   -  montags 18 Uhr in St. Wolfgang
   -  freitags 18 Uhr  in Maria Hilf (Wunderburg)

Karfreitag - Kinderkreuzweg: 11.00 vom St. Wolfgang nach Maria Hilf

 

Ihr Pfarrer Heinz Oberle

   

 
 Kreuzweg von Dávid Mária Kiss

Mit Texten von:
Vera Krause und Ancilla Röttger OSC

Impressum
Herausgeber
Bischöfliches Hilfswerk
MISEREOR e.V.
Mozartstraße 9
52064 Aachen
Tel.: 0241/442-0
Fax: 0241/442-188
E-Mail: postmaster@misereor.de
Homepage: www.misereor.de

 


Dávid Mária Kiss (1930 – 2002)
1930 geboren in Székesfehérvár / Ungarn
1949 Lehrerindiplom
1950 Arbeitsverbot
Hilfsarbeiterin
1953 Bibliothekarin
Abendschule für Kunst
1956 Flucht nach Westen
ab 1957 Studium an der Akademie der Bildenden Künste München; Meisterschülerin in der Klasse von Charles Crodel
1963 Künstlerdiplom mit Auszeichnung
ab 1964 Ausstellungen in Frankfurt (Galerie Daberkow), New York (Gordon’s Fifth Avenue Gallery), Bosten, München, Prag, Berlin, Paris, Leiden, Wuppertal, Osnabrück, Marienburg, Budapest, Székesfehérvár, Melbourne, Frankenthal, Köln, Münster u.v.m. Bilder in vielen in- und ausländischen Privat- und öffentlichen Sammlungen
2002 verstorben in Münster/Westf. inmitten eines ungebrochenen künstlerischen Schaffens
Dávid Mária Kiss – Mit diesem Namen signierte die ungarische Künstlerin Maria Jászai fast dreißig Jahre lang ihre Bilder. Mária Kiss, das ist ihr Mädchenname gewesen, David der Name ihres Sohnes. Anfang der 1970er Jahre hatte sich Mária Jászlai in ihrem mühsamen Kampf um künstlerische Anerkennung zu dem männlichen Pseudonym entschlossen; zu viele Türen waren bis dato von vornherein verschlossen geblieben. Die traurige Rechnung ging auf: Der „Mann“ hinter ihren Bildern bekam die nötige Aufmerksamkeit und brachte den angemessenen Erfolg.
Die großen, lebhaft-bewegten Holzschnitte von Dávid Mária Kiss zeigen ganz figurativ menschliche Grunderfahrungen, Grundsituationen, bisweilen Archetypisches. Die Künstlerin zitierte gern Max Beckmann: „Wenn man das Unsichtbare begreifen will, muss man, so tief wie möglich, in das Sichtbare eindringen.“ In Einzelportraits, Gruppenbildern und Szenen kommen Menschen ins Bild, in ganz unterschiedlichen Lebensmomenten: Wartende, Frierende, Reisende, Hungernde, Liebende, Frauengestalten wie »Sophie Scholl« oder »Klara von Assisi«, im »Auschwitz«-Triptychon Geschlagene und Klagende, im »Kreuzweg« der Eine zu Unrecht Verurteilte, Mitleidende, Täter und stumme Mitläufer zu allen Zeiten.
Georges Braque hat einmal gesagt: „Es gibt Werke, bei denen man an den Künstler denkt, andere, bei denen man an den Menschen denkt“. Das Werk von Dávid Mária Kiss gehört sicher zu Letzteren.

Vera Krause
34 Jahre
Diplom-Theologin,
Referentin für Bildung
und Pastoral bei MISEREOR
in Aachen

Ancilla Röttger
54 Jahre
Äbtissin des Klarissenkonvents
am Dom zu Münster
 
 

Hinführung
Das Unerträgliche ertragen helfen

Die Kreuzwegandacht zählt zu den zentralen Motivandachten im Kirchenjahr. Sie ist
Gedächtnis an das Leiden Jesu und über dieses auch Gedächtnis an das Leiden der
Menschen und der Welt zu allen Zeiten – bis heute.

Es ist eine alte christliche Tradition, den Kreuzweg Jesu zu betrachten, d.h. sich in die
überlieferten 14 Stationen seines Weges von der Verurteilung vor Pilatus bis zur Grablegung
hineinzustellen, um sich mit der eigenen wie der fremden Not in das Geschehen
einzulassen. Kreuzweg-beten, das meint nicht: Jesu Leben, Jesu letzte Wegstrecke aus der
Distanz anschauen. Kreuzweg-beten, das meint: einsteigen, (emotionale) Nähe wagen,
mich in das Geschehen hineinziehen lassen, es aushalten – und mitgehen.

Immer und überall ist das Leben begleitet vom Tod in seinen vielfältigen Formen. Den Tod
zu begreifen als Weg durch Schmerz und Dunkelheit zur Fülle des Lebens ist der Sinn des
Mitgehens an Jesu Seite – und damit an der Seite seiner geringsten Brüder und
Schwestern (vgl. Mt 25,35ff.).

In ungewöhnlicher Weise greift die ungarische Künstlerin Dávid Mária Kiss* in ihren großen
Holzdrucken die Kreuzweg-Szenen auf. Es sind Bilder, die in den 14 Wegstationen Jesu das
Leid der Menschen heute gegenwärtig sein lassen. Die zu unrecht Verurteilten, die Unterdrückten
und Niedergetretenen, die Trauernden und Klagenden und die zur Mitleidenschaft
Befähigten begegnen uns. Und auch die Unbeteiligten, die Nichtstuer, die Stumpfsinnigen
und Gewalttäter stehen uns plötzlich gegenüber. Ganz nah. Sie alle fragen uns zugleich:
Wo stehen wir?
Wo kommen wir in den Bildern vor?
Der Kreuzweg von Dávid Mária Kiss** trägt folgende Widmung:
»Allen, die für Gerechtigkeit kämpfen und Ungerechtigkeit und Leid erfahren müssen.«

 

Praktische Hinweise

Dia-Reihe
Echte Begegnung findet auf Augenhöhe statt. Nach Möglichkeit Dia-Projektor oder Beamer
mit ausreichend Abstand platzieren, sodass die Begegnung mit den Gestalten der
einzelnen Kreuzweg-Stationen in Lebensgröße möglich wird.

Texte / Kreuzwegandacht
Die inhaltlich wie theologisch dichten Texte, die die Kreuzweg-Bilder von Dávid Mária Kiss
zu erschließen suchen, verlangen nach gut vorbereiteten Sprecher/innen, die die einzelnen
Texte sicher und akzentuiert vortragen können.

Andachtsformen
Neben der „klassischen“ Kreuzwegandacht mit der ganzen Gemeinde sind auch weitere
Andachtsformen zu einzelnen Kreuzwegstationen möglich, etwa:
- Früh- oder Spätschichtreihe zu einzelnen Kreuzwegstationen
- Meditation einzelner Stationen in den Gottesdiensten der Fastenzeit
- Gemeinsames Gebet vor oder nach Pfarrgemeinderats- oder anderen Ausschuss- und
Gruppensitzungen

Gebet im Alltag
Eine Möglichkeit, die eindrücklichen Holzdrucke des Kreuzweges mit in den persönlichen
Alltag zu nehmen, ist das Erstellen eines Leporello-Faltblattes. Die konkrete Anregung dazu
findet sich in diesem Heft im Anschluss an die Kreuzwegstationen.

Zeichenerklärung
[V] Vorbeter/ in
[L] Lektor/ in
[A] Alle

 

Beginn
der Kreuzwegandacht

[V] Im Namen
+ des Vaters
und des Sohnes
und des Heiligen Geistes

[A] Amen

[V] Wir sind zusammengekommen, um mit Jesus den Weg zu gehen,
der durch den Tod ins Leben führt: seinen Kreuzweg. Jesus ging diesen
Weg vor zweitausend Jahren. Und er geht ihn heute – mit uns und
allen Menschen, denen ein Kreuz aufgebürdet ist. Haben wir den Mut
hinzuschauen und hinzuhören, um Anteil nehmen zu können an dem,
was da geschieht.
Jesu Weg kreuzt in seinen Stationen unsere eigenen Wege und die Wege
der Welt. Wir dürfen daran glauben, dass er das, was uns geschieht,
mitnimmt auf seinen Weg – und es in die Fülle des Leben führt. Amen

[V] Wir singen gemeinsam den Vers: Wir beten dich an…
     [siehe Kopiervorlage am Heftende]

Die Melodie des Versliedes
Die Melodie des Versliedes

 

 

 

 

 

 

 

 

 

[L] Aus dem Evangelium nach Johannes:
Jesus sagt: „Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in
Fülle haben. Ich bin der gute Hirt. Der gute Hirt gibt sein Leben hin für
die Schafe. (…) Deshalb liebt mich der Vater, weil ich mein Leben hingebe,
um es wieder zu nehmen. Niemand entreißt es mir, sondern ich
gebe es aus freiem Willen hin. Ich habe Macht es hinzugeben, und ich
habe Macht, es wieder zu nehmen. Diesen Auftrag habe ich von meinem
Vater empfangen.“ (Joh 10,10.11.17-18)

[V] Wir singen gemeinsam die 1. Strophe des Kreuzwegliedes.
      [siehe Kopiervorlage am Heftende]

Kreuzweglied
Kreuzweglied

 

 

 

 

 

 

 

 

 

[V] Herr Jesus Christus,
du hast dein Kreuz angenommen und
bist den Weg nach Golgota mit aller Kraft gegangen.
Wir möchten mit dir gehen.
Gib uns den Mut, nicht auszuweichen,
wenn die Stationen uns herausfordern
und wir nur allzu gern den Blick abwenden würden:
von deinem Leid,
von unserem persönlichen Leid,
vom Leid der Menschen in unserer Gemeinde,
vom Leid der Menschen in der Welt.
Lass uns an deiner Seite lernen,
was Erbarmen und Versöhnung bedeuten.
Darum bitten wir dich,
Christus, unseren Weggefährten.

[A] Amen

 
 

Jesus wird zum Tode verurteilt

Jesus wird
zum Tode verurteilt


I. Station: Jesus wird zum Tode verurteilt

[V] Wir beten dich an, Herr Jesus Christus, und preisen dich,
[A] denn durch dein heiliges Kreuz hast du die Welt erlöst.
      [Oder: Vers singen, siehe Kopiervorlage am Heftende]

[Sprecher] Jesus wird verurteilt. Eine Mauer von aufgerichteten Lanzen nimmt ihm
jegliche Bewegungsfreiheit. Kein Schritt geht mehr. Jesu befreiende Bewegung
auf andere hin – jetzt wird sie ihm zur Bedrohung. Auch weil ihm die Augen
verbunden sind und die Hände gefesselt. Und der Soldatenmantel? Spott
über ihm soll vertreiben, was Jesus in die Herzen der Menschen gelegt hat:
Achtsamkeit und Heil bringende Nähe auch den an den Rand Gedrängten.
So einer muss aus dem Verkehr gezogen werden! Rechtmäßig. Das Wasser
in der Schale ist schon benutzt: von Pilatus, der sich beruhigt die Hände in
Unschuld gewaschen hat.

 

 

 
 
[V] Wir singen gemeinsam die Strophe des Kreuzwegliedes zur 1. Station.
     [siehe Kopiervorlage am Heftende]

[Sprecherin] Menschen verurteilen einander:
Einer will sich selbst nicht bewegen und verbarrikadiert auch dem anderen
den Weg, lässt ihn nicht weiterkommen. Bewegung gäbe dem Leben eine
Chance. – Einer will nicht in den Blick geraten und verstellt auch dem anderen
den Blick, lässt ihn den Weg nicht mehr sehen. Einander in die Augen
schauen gäbe dem Leben eine Chance. – Einer will nicht berührt werden
und bindet auch dem anderen die Hände, lässt ihn nicht den Augenblick
gestalten. Einander die Hände entgegenstrecken gäbe dem Leben eine
Chance. – Einer will sich selbst nicht zeigen und hängt auch dem anderen
einen fremden Mantel um, zwängt ihn in eine verfremdende Rolle. Einander
in Wahrheit begegnen, gäbe dem Leben eine Chance. – Einer wäscht sich
vor dem anderen die Hände in Unschuld. Füreinander Verantwortung
übernehmen, gäbe dem Leben eine Chance. Überall auf der Welt.

[V] Verurteilung geschieht in vielerlei Formen. Vorverurteilung auch. In vielen
Ländern der Erde lasten starke, einengende Rollenerwartungen auf bestimmten
Bevölkerungsgruppen: auf Armen und am Rand der Gesellschaft
Geborenen, auf Angehörigen bestimmter Rassen und Religionen, vielfach
auf Mädchen und Frauen. Mit der Zuweisung der sozialen Rolle sind
zugleich die Entfaltungsmöglichkeiten festgelegt, oft stark eingeschränkt.
Wir beten um Gottes Erbarmen:

[V] Von der Ungleichheit der Lebensmöglichkeiten

[A] befreie uns, Herr. [einen Augenblick lang Stille]

[V] Von Ungerechtigkeit und Gewalt

[A] befreie uns, Herr. [einen Augenblick lang Stille]

[V] Von der vorgeblichen Unschuld, mit der wir uns auch heute noch die Hände waschen,

[A] befreie uns, Herr. [einen Augenblick lang Stille]

[V] Herr Jesus Christus, der du verurteilt worden bist,

[A] erbarme dich über uns und über die ganze Welt.

 

 

Jesus nimmt das Kreuz an



Jesus nimmt
das Kreuz an

II.Station: Jesus nimmt das Kreuz an

[V] Wir beten dich an, Herr Jesus Christus, und preisen dich,

[A] denn durch dein heiliges Kreuz hast du die Welt erlöst.
     Oder: Vers singen, siehe Kopiervorlage am Heftende]

[Sprecher] Jesus ergibt sich. Der Rückweg ist versperrt. Kein Ausweg mehr. Nur
ein Weg noch kommt ihm entgegen. Mit leeren, hoch erhobenen – zum
Himmel gereckten – Händen steht Jesus da. In klaren Konturen ist die
Szene geprägt von seinem großen Schatten, der sich hinter ihm erhebt.
Das Licht, das solch ein Schatten braucht, kommt von unten. Unten:
Da ist der Weg, den Jesus jetzt schon angenommen hat. Jesus ergibt
sich – aufrecht. Es scheint, dass alle Drohgebärde ob seiner Aufrichtigkeit
gewichen ist. Da sind nur noch Jesus und sein Schatten, keine einzige
Lanze mehr. Seine Haltung ist Gebet. Das erheben der Hände: uralte
Gebärde der Anbetung Gottes. Darin behütet Jesu Gesicht, gefasst und
zugleich fassungslos traurig: den Weg im Blick, der vor ihm liegt.

 



 
 [V] Wir singen gemeinsam die Strophe des Kreuzwegliedes zur 2. Station.
     [siehe Kopiervorlage am Heftende]

[Sprecherin] Menschen ergeben sich:
Im Vorurteil anderer; im Verlust des Partners, der Partnerin; in der
Diagnose einer schweren, vielleicht unheilbaren Krankheit; in der
Arbeitslosigkeit. In der schwerwiegenden Einschränkung meiner
Lebensmöglichkeiten bleibt oft nur noch eine einzige Richtung. Sie
entschieden in den Blick nehmen und nicht wegsehen: das gäbe dem
Leben eine Chance. – Die Hände offen nach oben strecken und der
Verzweiflung, der Trauer eine Richtung geben: das gäbe dem Leben
eine Chance. – Mich auf den Weg einlassen und Glauben lernen, dass
Einer mit mir geht: das gäbe dem Leben eine Chance. Überall auf der
Welt.

[V] Die Ergebung der Unschuldigen: Sünde der Menschheitsfamilie zu allen
Zeiten. Millionenfach nehmen Menschen tagtäglich ihr Kreuz auf sich:
das Kreuz des gesellschaftlichen Ausgegrenztseins, der Armut und des
Hungers, von Krieg und Vertreibung, Krankheit und Tot. Unverschuldet,
unnötig, vermeidbar.
Wir beten um Gottes Erbarmen:

[V] Von lähmender Angst

[A] befreie uns, Herr. [einen Augenblick lang Stille]

[V] Von Tatenlosigkeit

[A] befreie uns, Herr. [einen Augenblick lang Stille]

[V] Von einengenden Denkmustern

[A] befreie uns, Herr. [einen Augenblick lang Stille]

[V] Herr Jesus Christus, der du deinen Kreuzweg angenommen hast,

[A] erbarme dich über uns und über die ganze Welt.

 

  

Jesus fällt zum ersten Mal



Jesus fällt
zum ersten Mal

III. Station: Jesus fällt zum ersten Mal

[V] Wir beten dich an, Herr Jesus Christus, und preisen dich,

[A] denn durch dein heiliges Kreuz hast du die Welt erlöst.
    [Oder: Vers singen, siehe Kopiervorlage am Heftende]

[Sprecher] Jesus fällt. Er hat den Boden unter den Füßen verloren. Zusammengekrümmt
liegt er da. Eine seiner Hände und seine nackten Füße strecken sich wie ein
Hilfeschrei der Menschengruppe entgegen, die neben ihm am Bordstein
steht: eine gesichtslose Menge, schemenhafte Gestalten, jede/r Einzelne wie
eingepackt von Kopf bis Fuß. Größer könnte der Gegensatz nicht sein. Der
Gestürzte gekrümmt in seinem Schmerz und seiner Hilflosigkeit, die Hand
offen ausgestreckt, Auge, Ohr und Mund weit geöffnet – durch und durch
verwundet. Dagegen die aufrecht stehenden „Toten“, unbeweglich, unwirklich
wie schwarze Schatten, in großen Stiefeln, die Hände in den Ärmeln oder
Manteltaschen vergraben. Nur einer ganz am Rand zieht zögernd die Hand
aus der Tasche.

 

 

 
 [V] Wir singen gemeinsam die Strophe des Kreuzwegliedes zur 3. Station.
     [siehe Kopiervorlage am Heftende]

[Sprecherin] Momentaufnahme am Weg:
Ein Mensch fällt. Die Zuschauer sind nicht aus Stein. Gleich werden sie als
Einzelne ihren Weg weitergehen. Was lässt sie erstarren? – Wenn jemand
unter seinen Füßen so dicke Sohlen hat, dass er den Weg gar nicht mehr
spürt, und die Arme und Hände so fest um sich klammert, dass er die eigene
Haltlosigkeit nicht mehr wahrnimmt, dann macht einer, der seine Angst zeigt,
Angst; dann lässt einer, der fällt, erstarren; dann ist einer, der offen bedroht
wird, Bedrohung. Doch es gibt kein unbeteiligtes Zuschauen. Jeder ist ein
Beteiligter – egal ob er etwas tut oder etwas geschehen lässt. – Die eigene
Haltlosigkeit bekennen, Angst nicht überspielen, sich aus dem Gruppenzwang
lösen, Mut zur Solidarität und zum Miteinander aufbringen, Engagement
wagen: das gäbe dem Leben eine Chance. Überall auf der Welt.

[V] Menschen werden überlastet. Jeden Tag. Zuviel an Sorge ums nackte
Überleben; zuviel an Kraft, die jeder neue Tag fordert; zu hoch die
Erwartungen, die gestellt werden, immer aufs Neue und oft einseitig;
zu schwer die Enttäuschungen, die das Leben mit sich bringt, und zu
tief der Schmerz, den die Verlassenheit schlägt.
Wir beten um Gottes Erbarmen

[V] Vom bloßen Zuschauerdasein

[A] befreie uns, Herr. [einen Augenblick lang Stille]

[V] Von Gesichtslosigkeit

[A] befreie uns, Herr. [einen Augenblick lang Stille]

[V] Von Gleichgültigkeit

[A] befreie uns, Herr. [einen Augenblick lang Stille]

[V] Herr Jesus Christus, der du auf dem Weg für uns gefallen bist,

[A] erbarme dich über uns und über die ganze Welt.


 

Jesus begegnet seiner Mutter




Jesus
begegnet
seiner Mutter

IV. Jesus begegnet seiner Mutter

[V] Wir beten dich an, Herr Jesus Christus, und preisen dich,

[A] denn durch dein heiliges Kreuz hast du die Welt erlöst.
     [Oder: Vers singen, siehe Kopiervorlage am Heftende]

[Sprecher] Der Sohn begegnet seiner Mutter. Sein Weg läuft in einer deutlichen Spur der
Holzmaserung durch alle Stationen: eine Unheilsrichtung von der Verurteilung
bis hin zum Tod am Kreuz. Unausweichlich treibt dieser Weg zu seinem Ende
hin. Die Frauen um Maria positionieren sich jedoch entgegengesetzt zur
Wegrichtung. Sie stehen da – unübersehbar. Sie zwingen zum Verweilen. Sie
schauen dem Leid ins Auge. Gemeinsam: Drei Frauen mit Gesichtern, die
zueinander in Beziehung stehen, sich trösten, Halt geben. – Maria streckt
Jesus die Hand entgegen, die er in der vorherigen Szene vergeblich gesucht
hat. Die andere Hand hält sie am Herzen. Herzensangelegenheit. Doch der
Weg läuft wie eine Schranke vor ihr her, sie kann nicht zu ihm. Ihr Ort ist
der Wegrand. Doch sie lässt Jesu Schmerz nicht unbeantwortet. Sie gibt
nicht auf, lässt sich nicht wegschicken. Sie ist da, hält aus, nimmt Anteil.
Sie gibt alles, was in solch einer Situation zu geben ist: Herz und Hand.

 

 

  
[V] Wir singen gemeinsam die Strophe des Kreuzwegliedes zur 4. Station.
     [siehe Kopiervorlage am Heftende]

[Sprecherin] Alltag der Welt:
Meist sind es die Frauen, die dem vielfältigen Leid der Menschen ins
Auge schauen. Sie lassen sich nicht ins Abseits drängen, blockieren die
Unheilsrichtung, verlassen die Spur ihrer Kinder, ihrer Männer, ihrer
Angehörigen nicht. Meist sind es die Frauen, die noch immer eine Hand
ausstrecken, wo alles längst verloren scheint, die den Blick nicht abwenden,
wenn es unerträglich wird. Meist sind es die Frauen, die den Schmerz, die
Not und die Verlassenheit der Kinder, Alten und Kranken, der Vertriebenen
und Misshandelten teilen und mittragen. – Herzensangelegenheit: Sich den
Menschen am Boden zuneigen, das gäbe dem Leben eine Chance. Überall
auf der Welt.

[V] Ein dem Tode geweihter Mensch begegnet dem Menschen, der ihm am
nächsten steht. Erschütternde Begegnungen. Auch heute: das verhungernde
Kind im Niger und seine hilflose Mutter; der an Aids leidende Mann und
seine ihn pflegende Frau in Südafrika; die einsame Alte im Pflegeheim einer
fernen Stadt und ihr mitfühlender Sohn.
Wir beten um Gottes Erbarmen:

[V] Von den Schranken, die uns trennen,

[A] befreie uns, Herr. [einen Augenblick lang Stille]

[V] Von Achtlosigkeit und Herzenskälte

[A] befreie uns, Herr. [einen Augenblick lang Stille]

[V] Von Resignation

[A] befreie uns, Herr. [einen Augenblick lang Stille]

[V] Herr Jesus Christus, Sohn einer Mutter,

[A] erbarme dich über uns und über die ganze Welt.

 

 

Simon von Zyrene hilft Jesus tragen

 

Simon von Zyrene hilft
Jesus tragen

V. Station: Simon von Zyrene hilft Jesus tragen

[V] Wir beten dich an, Herr Jesus Christus, und preisen dich,

[A] denn durch dein heiliges Kreuz hast du die Welt erlöst.
      [Oder: Vers singen, siehe Kopiervorlage am Heftende]

[Sprecher] Simon hält Jesus. Die Wegspur verläuft im Hintergrund. Simon ist in den
Weg Jesu eingetreten. Und doch durchzieht ein schwarzer Balken die
Szene wie eine Trennlinie: Auch jetzt ist der Weg in nur eine Richtung
offen. Mit beiden Händen greift Simon dem Gefallenen unter die Arme.
Behutsam nimmt er ihn hoch, um ihn aufzurichten. Auch Jesus selbst
hält sich fest, nimmt die Hilfe an, zieht sich in Simons Armen hoch.
Und Simon nimmt seinerseits die Blickrichtung Jesu auf den Weg hin
auf. Er kann nicht einfach abschütteln, was da plötzlich in sein Leben
eingebrochen ist. – Zur falschen Zeit am falschen Ort? Nein. Simon lässt
sich in die Verantwortung nehmen. Der, der nur zufällig des Weges
kommt, wird Weggefährte.

 



 
 
[V] Wir singen gemeinsam die Strophe des Kreuzwegliedes zur 5. Station.
     [siehe Kopiervorlage am Heftende]

[Sprecherin] Menschen finden Halt:
Wenn es längst eng geworden ist, die Kraft nicht mehr reicht und
jegliche Perspektive verloren gegangen ist, dann hilft es, wenn einer
die Blickrichtung aufgreift und mit in die selbe Richtung schaut.
Einer, der den fremden Weg ein Stück lang zu seinem eigenen macht:
Weggefährtenschaft. Geteiltes Leid ist immer noch Leid, doch die
Einsamkeit ist schon vertrieben. – Nicht nur rückwärts schauen, nicht in
sicherer Entfernung bedauern, sich nicht im Schmerz vergraben, sondern
mit dem Leidenden seinen Weg in den Blick nehmen und die eigene
Schulter unter seine schieben, das gäbe dem Leben eine Chance.
Überall auf der Welt.

[V] Ohne Ansicht des Geschlechts, der sozialen Herkunft, der Religion,
der Nationalität oder der Hautfarbe: Weggefährtenschaft mit dem,
dem ich auf seinem Leidensweg begegne. Weggefährtenschaft der,
die am Boden liegt. Weil i c h des Weges komme und nicht eine
andere, ein anderer.
Wir beten um Gottes Erbarmen:

[V] Von unserer Unachtsamkeit

[A] befreie uns, Herr. [einen Augenblick lang Stille]

[V] Von unserer Verantwortungslosigkeit

[A] befreie uns, Herr. [einen Augenblick lang Stille]

[V] Von unserer Kraftlosigkeit

[A] befreie uns, Herr. [einen Augenblick lang Stille]

[V] Herr Jesus Christus, von Simon gehalten,

[A] erbarme dich über uns und über die ganze Welt.

 
 

Veronika reicht Jesus das Schweißtuch


Veronika reicht Jesus das Schweißtuch

VI. Veronika reicht Jesus das Schweißtuch

[V] Wir beten dich an, Herr Jesus Christus, und preisen dich,

[A] denn durch dein heiliges Kreuz hast du die Welt erlöst.
      [Oder: Vers singen, siehe Kopiervorlage am Heftende]

[Sprecher] Veronika steht am Wegrand, auffällig ihre großen, tatkräftigen Hände.
Im Hintergrund die Andeutung des Weges. Veronikas Dasein ist wie eine
offene Tür, durch die sie längst hineingestiegen ist in die Spur Jesu. Hautnah:
Sie reicht Jesus ein Tuch, in das hinein er sein Gesicht drücken kann, um es
zu trocknen. Eine zarte, mitfühlende und doch hilflose Geste der Liebe, die
fast untergeht in dem Übermaß an Brutalität, die Jesu Weg kennzeichnet.
Und die Überlieferung erzählt: Auf dem weißen Tuch, das Jesus Veronika
zurückgibt, hat sich sein Antlitz abgebildet – gezeichnet aus Schweiß und
Blut und Tränen, vermischt mit dem Staub des Weges. Es ist Jesu Gesicht
und es sind vor allem die Gesichter der Frauen, die auf dem Kreuzweg Profil
und Richtung haben.

 


  
[V] Wir singen gemeinsam die Strophe des Kreuzwegliedes zur 6. Station.
      [siehe Kopiervorlage am Heftende]

[Sprecherin] Was kann einer allein schon tun?
Veronikas zarte, leise Geste bricht mit der starren Menge. Anhalten für einen
Augenblick, sich der Realität stellen – wie grausam sie auch sein mag –,
das verändert den Menschen in seiner Tiefe. Veronika hält so lange an, bis
sie das Antlitz Jesu auf ihrem Tuch erkennt; und dieser gequälte, zu Tode
getriebene Mensch wird sichtbar in seiner Würde. Er zeigt sein Antlitz.
Auch hier und jetzt. Ob als Folge ihres Tuns oder als Voraussetzung:
Veronika selbst strahlt durch ihr eindrückliches Antlitz mit innerer Würde
zurück. – Nicht mitlaufen im Strom der Menge, sich dem Leben stellen, in
das Antlitz des leidenden Menschen schauen und den Mut zu zarten, leisen
Gesten aufbringen: das öffnet den Raum, in dem kein Mensch mehr seine
Würde verlieren muss. Gesicht zeigen und Hilfe geben, das gäbe dem
Leben eine Chance. Überall auf der Welt.

[V] Jesu gequältes Antlitz wird heute nicht mehr in einem Tuch sichtbar.
Deutlich eingezeichnet aber ist es in den Gesichtern der Menschen in den
„Elendsvierteln“ unserer Tage: den Hungernden und Notleidenden, den
Ausgestoßenen und Ungeliebten, den einsam Sterbenden. Veronika hat
gezeigt, was jedem Menschen möglich ist: Das tun, was heute in meiner
Macht liegt – und sei es noch so klein.
Wir beten um Gottes Erbarmen:

[V] Vom allzu leichten Wegschauen

[A] befreie uns, Herr. [einen Augenblick lang Stille]

[V] Von Unverbindlichkeit

[A] befreie uns, Herr. [einen Augenblick lang Stille]

[V] Davon, das Kleine nicht wertzuschätzen,

[A] befreie uns, Herr. [einen Augenblick lang Stille]

[V] Herr Jesus Christus, der du Veronika dein Antlitz geschenkt hast,

[A] erbarme dich über uns und über die ganze Welt.

  
 

Jesus fällt zum zweiten Mal


Jesus fällt
zum zweiten Mal

VII. Jesus fällt zum zweiten Mal

[V] Wir beten dich an, Herr Jesus Christus, und preisen dich,

[A] denn durch dein heiliges Kreuz hast du die Welt erlöst.
     [Oder: Vers singen, siehe Kopiervorlage am Heftende]

[Sprecher] Jesus fällt erneut – und kommt allein nicht mehr hoch. Zwei Schergen
schleppen ihn davon. Ganz anders, als Simon von Zyrene es tat.
Unachtsam wenden sie Jesus den Rücken zu, schleifen ihn hinter sich her
– Rücken gegen Rücken. Der Helm nimmt dem Gesicht des einen jeden
persönlichen Ausdruck. Der andere zeigt sein Gesicht erst gar nicht. Gut
sichtbar an den uniformierten Gestalten sind nur ihre Schlagstöcke.
Bedrohlich rahmen sie Jesus ein, der schon fast leblos in den geübten
Griffen der Soldaten hängt. Die tun nur ihre Arbeit. Es muss ja schließlich
vorangehen. Befehl ist Befehl.

 

 


   

[V] Wir singen gemeinsam die Strophe des Kreuzwegliedes zur 7. Station.
     [siehe Kopiervorlage am Heftende]

 

[Sprecherin] Der Mensch am Ende:
Das ziehen wir jetzt durch, zur Not mit Gewalt! Etwas „durchziehen“ ist
etwas anderes als „helfen“. Helfen meint den anderen. Etwas durchziehen
meint das Ergebnis – egal zu welchem Preis. Da zerrt der eine den
anderen weiter, fordert einer den anderen über seine Kraft, kämpft
irgendwann einer gegen den anderen, schlägt notfalls einer auf den
anderen ein... Es ist schließlich Anordnung, Befehl. – Ein Ziel nicht
kritiklos übernehmen, sondern überdenken; die eigene Arbeit nicht
einfach durchziehen, sondern anfragen; den Einzelnen nicht dem
Gesamten opfern, sondern ihn stets im Blick behalten; Befehle nicht
einfach ausführen, sondern in Eigenverantwortung abwägen – all das
gäbe dem Leben eine Chance. Überall auf der Welt.

[V] Menschen fallen unter vielerlei Last. Wie groß ist die Zahl jener, die sich
unter Intoleranz und Verrat, Machtgier und Ausbeutung, Hass und Gewalt
nicht mehr halten können? Frauen und Männer, die am Boden liegen
wegen ihrer Hautfarbe, ihrer Religion, ihres Geschlechts, ihrer mangelnden
Bildung. Frauen und Männer, die niedergeschlagen werden wegen ihres
Kampfes für Gerechtigkeit und Menschenwürde oder ihrer Liebe zur
Freiheit. – Wo stehen wir, wenn Menschen fallen?
Wir beten um Gottes Erbarmen:

[V] Von unseren inneren Schergen

[A] befreie uns, Herr. [einen Augenblick lang Stille]

[V] Von unserer Uniformität

[A] befreie uns, Herr. [einen Augenblick lang Stille]

[V] Von unserem achtlosen Tun

[A] befreie uns, Herr. [einen Augenblick lang Stille]

[V] Herr Jesus Christus, der du auf dem Weg für uns gefallen bist,

[A] erbarme dich über uns und über die ganze Welt.

 
 

Sesus begegnet die weinenden Frauen



Sesus begegnet
die
weinenden Frauen

VIII. Jesus begegnet den weinenden Frauen

[V] Wir beten dich an, Herr Jesus Christus, und preisen dich,

[A] denn durch dein heiliges Kreuz hast du die Welt erlöst.
     [Oder: Vers singen, siehe Kopiervorlage am Heftende]

[Sprecher] Eine Gruppe Frauen hat sich auf den Weg gedrängt. Man kommt nicht
vorbei an ihnen – und an ihren Tränen. Die Augen haben sie sich ausgeheult.
Jetzt verbindet sie eine stumme Trauer, das Versunkensein im Schmerz.
Doch von einer zur anderen bricht sich die Trauer Bahn: handgreiflich. Eine
hält ihr Gesicht noch verborgen. Die nächste traut sich schon halb heraus aus
ihrem Mantelkragen. Eine dritte klammert sich noch an ein Tuch, fast schon
aufrecht. Eine weitere scheint noch wie versteinert, doch zugleich klar und
eindeutig in ihrem Schmerz. Durch die fünfte schließlich bricht sich im
Erheben der Hände die Klage in Richtung Himmel Bahn. Jede ist ganz auf
Jesu Weg, und doch ganz bei sich: Compassion – Mitleidenschaft.

 

 

 

 
[V] Wir singen gemeinsam die Strophe des Kreuzwegliedes zur 8. Station.
     [siehe Kopiervorlage am Heftende]

[Sprecherin] Die Kunst des Klagens:
„Wie geht’s?“ – „Danke, es muss ja, man kann nicht klagen.“ Wir scheinen'
sie fast verloren zu haben, die Kunst des Klagens, die das Leben aufnimmt,
so wie es ist: nicht immer heil und schön. Muss es immer gehen, immer
so weitergehen? Muss man die Welt so akzeptieren, wie sie ist? Dass da
Mächtige sind und Ohnmächtige? Es ist richtig, man kann nicht immer
etwas „machen“, doch die Trauer herausschreien, weinen um den Tod der
Unschuldigen und die Ungerechtigkeit anklagen – lautstark –, dass kann
jeder. Das könnten auch wir. – Mitleidenschaft: mit dem Weinenden weinen,
mit dem Stummen schweigen, mit dem Blinden die Dunkelheit ertragen,
die Hände zum Himmel strecken; den Blick nicht abwenden vom Leid
anderer, es in sich aufnehmen und in Klage verwandeln: das gäbe dem
Leben eine Chance. Überall auf der Welt.

[V] Warum kennen wir Bilder von klagenden Frauen – vor allem von Frauen –
fast nur noch aus den Nachrichten, wenn über die kleinen und großen
Katastrophen in den armen Ländern der Südkontinente berichtet wird?
Fehlt uns Nichts und Niemand? Haben wir niemanden zu betrauern?
Und nichts zu beweinen? Nicht nur ein Herz haben, Herz zeigen lässt die
Trauer zur Hoffnung werden.
Wir beten um Gottes Erbarmen:

[V] Von zu viel Anstand

[A] befreie uns, Herr. [einen Augenblick lang Stille]

[V] Von unserer Tränenlosigkeit

[A] befreie uns, Herr. [einen Augenblick lang Stille]

[V] Von Mut- und Sprachlosigkeit

[A] befreie uns, Herr. [einen Augenblick lang Stille]

[V] Herr Jesus Christus, der du die Klage der Frauen nicht überhörst,

[A] erbarme dich über uns und über die ganze Welt.

 

 

Jesus fällt zum dritten Mal


Jesus fällt
zum dritten Mal

IX. Jesus fällt zum dritten Mal

[V] Wir beten dich an, Herr Jesus Christus, und preisen dich,

[A] denn durch dein heiliges Kreuz hast du die Welt erlöst.
    [Oder: Vers singen, siehe Kopiervorlage am Heftende]

[Sprecher] Jesus am Boden. Gekrümmt wie ein Wurm. Seine Gestalt, sein Gesicht
ein einziger Schrei. Am Bordstein Füße von Passanten, die scheinbar
willkürlich stehen geblieben sind. Ganz nah, doch jenseits der Weggrenze.
Ihr Stehenbleiben scheint nichts mit dem zu tun zu haben, der
da mit verrenkten Gliedern in der Gosse liegt. Im Gegensatz zu seiner
gekrümmten Gestalt stehen sie aufrecht da. Kerzengerade. Die Füße in
festen Schuhen, zum Weitergehen bereit. Passanten eben: Vorübergehende.
Nehmen sie die gekrümmte Gestalt überhaupt wahr? Man könnte leicht über
sie hinwegsehen, hinweggehen, sogar auf sie treten, ohne es zu merken.

 



   

[V] Wir singen gemeinsam die Strophe des Kreuzwegliedes zur 9. Station.
[siehe Kopiervorlage am Heftende]

[Sprecherin] Der Mensch am Boden:
Es geht nicht mehr weiter. Unerträglich der Schmerz. Der Schmerz des
Todes und des Hungers, des Ausgestoßen- und Abgestempeltseins.
Unerträglich für die Vorübergehenden, – die sich schützen mit innerer
Distanz: „Wahrscheinlich war er selber Schuld. Wäre er nur etwas weniger
provozierend, etwas kompromissfähiger gewesen. Er hätte ja auch ein
paar Schritte auf die anderen zugehen können, dann wären auch sie ihm
entgegen gekommen. Jetzt können wir ihm auch nicht mehr helfen.“ –
Wenn es zu spät ist, wenn der Zeitpunkt verpasst ist, an dem man etwas
hätte tun können, wird es unerträglich – für die eine wie für die andere
Seite. Auf vorschnelle Urteile verzichten, den Aufschrei hören, nicht auf
das Leben und die Würde eines anderen treten, das gäbe dem Leben eine
Chance. Überall auf der Welt.

[V] Vorübergehende: Sie bleiben stehen an so vielen Wegrändern. Warum
bleiben Menschen Randgestalten, obwohl sie doch ganz nah dran sind?
Ganz nah dran an den toten Kindern, den geschändeten Frauen, den
verkrüppelten Männern des Krieges. Ganz nah dran – und doch
Außenwelt.
Wir beten um Gottes Erbarmen:

[V] Von der Unfähigkeit zur Anteilnahme

[A] befreie uns, Herr. [einen Augenblick lang Stille]

[V] Von der Trägheit unserer Herzen

[A] befreie uns, Herr. [einen Augenblick lang Stille]

[V] Davon, kaum Zeit für den anderen zu haben,

[A] befreie uns, Herr. [einen Augenblick lang Stille]

[V] Herr Jesus Christus, der du auf dem Weg für uns gefallen bist,

[A] erbarme dich über uns und über die ganze Welt.

   
 

Jesus von seiner Kleider beraubt

 
Jesus von seiner Kleider beraubt

X. Jesus wird seiner Kleider beraubt

[V] Wir beten dich an, Herr Jesus Christus, und preisen dich,

[A] denn durch dein heiliges Kreuz hast du die Welt erlöst.
     [Oder: Vers singen, siehe Kopiervorlage am Heftende]

[Sprecher] Jesus wird seiner Kleider beraubt. Die Finsternis scheint sich zusammenzuballen
und alles zu überwuchern. Die Dimension des Leids weitet sich
aus: Was bis hierher fast am Wegrand der Welt geschah, steht nun im
Zentrum der Erde. Die Kuppe des Golgotahügels zeichnet den leeren
Horizont und teilt das Bild: schwarze Erde, weißer Himmel. Es scheint,
als hätten die Kleider, die Jesus abgenommen wurden, die Erde in diese
Dunkelheit gekleidet. Vor dieser Dunkelheit hebt sich der weiße, ausgezehrte
Körper Jesu klar hervor: in der Farbe des Himmels, aufrecht in
aller Erniedrigung. Noch immer: Immanuel – Gott mit uns. Gott mit uns
im Leid, im Schmerz, da, wo Leben zerbricht. Der Himmel verschließt
sich nicht. Eine Leiter verbindet Himmel und Erde.

 

 

 
[V] Wir singen gemeinsam die Strophe des Kreuzwegliedes zur 10. Station.
     [siehe Kopiervorlage am Heftende]

[Sprecherin] Menschen werden ihrer Würde beraubt:
Nicht in der Kleidung steckt die Würde des Menschen. Und doch ist es
entwürdigend, wenn jemandem mit Gewalt die Kleider vom Leib gerissen
werden; wenn jemand vor aller Augen bloß gestellt wird. – Einer stellt
den anderen bloß um des eigenen Vorteils willen. Einer macht den
anderen klein, um selber groß zu erscheinen. Einer zeigt die Schwachstellen
des anderen, um die eigene Schwäche zu verbergen. Einer nimmt
dem anderen allen Schutz, um selber seine Unangreifbarkeit unter Beweis
zu stellen. – Den Schutzlosen schützen, den Schwachen stärken, den
Kleinen groß machen, den Nackten bekleiden: das gäbe dem Leben eine
Chance. Überall auf der Welt.

[V] Wir kennen sie fast nur noch aus dem Fernsehen, die Enthüllungsgeschichten
er Entblößten unserer Zeit: ausgemergelte, hungrige Körper,
fast nackt. Menschen auf der Flucht, nur noch mit Fetzen bekleidet.
Arbeiterinnen und Arbeiter in den „Sonderwirtschaftszonen“ unserer Erde,
ungeschützt in ihrer unzureichenden Bekleidung. Mädchen und Frauen
in einer weltweiten Sexindustrie, verschleppt, entblößt, begafft – ausgeliefert.
Jesu Kleider werden geraubt. Auch heute noch.
Wir beten um Gottes Erbarmen:

[V] Vom Verrat deiner Botschaft

[A] befreie uns, Herr. [einen Augenblick lang Stille]

[V] Von Unglaubwürdigkeit

[A] befreie uns, Herr. [einen Augenblick lang Stille]

[V] Davon, dass wir andere bloßstellen,

[A] befreie uns, Herr. [einen Augenblick lang Stille]

[V]: Herr Jesus Christus, der du auf dem Weg deiner Kleider beraubt wurdest,

[A] erbarme dich über uns und über die ganze Welt.

 

 

Jesus wird ans Kreuz gebunden



Jesus wird
ans
Kreuz gebunden

XI. Jesus wird ans Kreuz gebunden

[V] Wir beten dich an, Herr Jesus Christus, und preisen dich,

[A] denn durch dein heiliges Kreuz hast du die Welt erlöst.
    [Oder: Vers singen, siehe Kopiervorlage am Heftende]

[Sprecher] Jesus ist ans Kreuz gebunden. Völlig ausgezehrt. Da wo ihn die Fesseln
nicht halten, sackt er fast in sich zusammen. Doch es scheint, als würde
er denen, die da zu seinen Füßen stehen, noch etwas sagen wollen. Mit
letzter Kraft ein letztes Wort, wo ihm die Hände gebunden sind. Wohl
vergeblich. Die in der Masse schauen ihn nicht einmal an. Die Mantelkrägen
hochgeklappt, die Köpfe eingezogen, nur einander zugewandt, so
stehen sie da: geduckt. Mit Helmen schützen sie sich gegen den nackten
Wehrlosen, den sie selbst ans Kreuz gebunden haben. Gegen diese Mauer
aus Bewaffneten wirkt der Unbewaffnete trotz aller Gebundenheit frei und
offen – seine Finger in tastender Lebendigkeit. Seine Achtsamkeit gilt
auch denen, denen er nichts bedeutet.

 

 


 
 [V] Wir singen gemeinsam die Strophe des Kreuzwegliedes zur 11. Station.
     [siehe Kopiervorlage am Heftende]

[Sprecherin] Gesetz der Masse:
Die in der Masse lassen den einen hängen und nageln ihn fest, doch
immer noch neigt er sich ihnen zu. Sie ignorieren ihn und kümmern sich
nur um ihresgleichen, doch immer noch schaut er sie an. Sie verdecken
ihre Ohren, um ihn nicht zu hören, doch immer noch redet er zu ihnen.
Sie verdunkeln die Welt, doch immer noch ist er ihr Licht. – In Jesu Leid
das Leid der Menschen sehen, sich ihm zuwenden, ihn anschauen, ihm
zuhören: das gäbe dem Leben eine Chance. Überall auf der Welt.

[V] Sein Licht zu den Menschen bringen, die Welt in seinem Licht erstrahlen
lassen, auch heute noch. Was könnte es Wichtigeres geben? Für die
Armen und die Kranken, die am Rand der Gesellschaft Vegetierenden,
die Ausgebeuteten und Unterdrückten, die zu Unrecht Verurteilten. – Wie
das gehen könnte? Trotz aller Dunkelheit den Weg suchen, den Jesus
gegangen ist. Und nicht nur eine Meile Wegstrecke mitgehen, sondern
zwei (vgl. Mt 5,41).
Wir beten um Gottes Erbarmen:

[V] Von unseren Rüstungen

[A] befreie uns, Herr. [einen Augenblick lang Stille]

[V] Von falscher Sicherheit

[A] befreie uns, Herr. [einen Augenblick lang Stille]

[V] Davon, anderen Gewalt anzutun,

[A] befreie uns, Herr. [einen Augenblick lang Stille]

[V] Herr Jesus Christus, der du dich für uns hast ans Kreuz binden lassen,

[A] erbarme dich über uns und über die ganze Welt.

  

  

Jesus stirbt am Kreuz



Jesus
stirbt am Kreuz

XII. Jesus stirbt am Kreuz

[V] Wir beten dich an, Herr Jesus Christus, und preisen dich,

[A] denn durch dein heiliges Kreuz hast du die Welt erlöst.
     [Oder: Vers singen, siehe Kopiervorlage am Heftende]

[Sprecher] Jesus stirbt. Alles überwuchernde Schwärze. Deutlich hervorgehoben auf
den schwachen Konturen des Kreuzes: seine Füße, verwundet, gebunden,
leblos. – Und eine Hand. Unüberbrückbar die Distanz dazwischen; und
dennoch: ein Bild größter Innigkeit. Ganz hineingegeben in die Dunkelheit
lehnt die trauernde Maria Magdalena den Kopf an den Kreuzesstamm.
Sanft berührt ihre Hand das Holz, an dem Jesus hängt. Er, den ihre Seele
liebt. Die gaffenden Zuschauer, die Gleichgültigen am Wegesrand, die
Soldaten in ihrer Brutalität: Sie alle sind aus diesem Bild verbannt, haben
keinen Zutritt zu diesem von Trauer und Liebe erfüllten Raum. Er gehört
ihm und ihr, der Frau vom Rande der Gesellschaft.

 

 


  

[V] Wir singen gemeinsam die Strophe des Kreuzwegliedes zur 12. Station.
     [siehe Kopiervorlage am Heftende]

[Sprecherin] Wenn die Liebe stirbt:
Die Liebe stirbt viele Tode. Immer hinterlässt ihr Tod alles überwuchernde
Schwärze, lebensfeindliche Dunkelheit. Wenn helle Freude aneinander sich
verwandelt in dunkle Ablehnung, das Lächeln in hässliches Stirnrunzeln,
dichte Nähe in unüberbrückbaren Abstand, lebendiges Interesse in tote
Gleichgültigkeit, wunderbare Einzigartigkeit in banale Austauschbarkeit,
liebendes Teilen in habgieriges Raffen, dann nimmt das dem Leben jede
Chance. Überall auf der Welt.

[V] Maria Magdalena traut es sich zu: Sterbebegleitung. Bleiben, sich der
Dunkelheit aussetzen, den Schmerz teilen, den Todesschrei aushalten.
Und bleiben. – Bleiben, wo Armut Menschen kreuzigt und Chancenungleichheit,
wo Krieg und Vertreibung sterben lässt und fehlende
Medizin. Bleiben – und Hand anlegen. Maria Magdalena war Jesu
Sterbebegleiterin. Und Verkünderin seiner Auferweckung.
Wir beten um Gottes Erbarmen:

[V] Von unserer inneren Bedecktheit

[A] befreie uns, Herr. [einen Augenblick lang Stille]

[V] Von unserer Angst zur Nähe

[A] befreie uns, Herr. [einen Augenblick lang Stille]

[V] Davon, Menschen dem Tod preiszugeben,

[A] befreie uns, Herr. [einen Augenblick lang Stille]

[V] Herr Jesus Christus, der du für uns am Kreuz gestorben bist,

[A] erbarme dich über uns und über die ganze Welt.

 

   
 

Jesus wird in den Schoß seiner Mutter gelegt



Jesus
wird in den Schoß seiner Mutter gelegt

XIII. Jesus wird in den Schoß seiner Mutter gelegt

[V] Wir beten dich an, Herr Jesus Christus, und preisen dich,

[A] denn durch dein heiliges Kreuz hast du die Welt erlöst.
     [Oder: Vers singen, siehe Kopiervorlage am Heftende]

[Sprecher] Mutter und Sohn gemeinsam auf der durch die Holzmaserung angedeuteten
Wegspur. Wie sich zuvor der schwarze Golgotahügel gegen den weißen
Himmel abhob, so scheint Maria nun zur Mutter Erde geworden, die den
toten Sohn in sich hineinnimmt. Sie umfängt ihn mit ihren Armen, birgt ihn
in ihrem Schoß, ihr Gesicht an seines geschmiegt: Herzensangelegenheit,
noch immer. Alle Dunkelheit der vorherigen Szenen hat Maria in sich
hineingesogen. Alles Leid ist nun in ihr. Der Tod beschönigt nichts. Nur noch
Haut und Knochen ist er; seine durchbohrten Hände und Füße hängen leblos
herab. Der leicht geöffnete Mund Jesu lässt aufhorchen. Umsonst. Allein die
Wegspur, die doch noch nicht zu Ende scheint, verhindert, dass all das, was
hier an der Wurzel des Kreuzesstammes, am Fuß der Leiter geschieht, in den
dunklen Abgrund hinein versinkt.


  


 

[V] Wir singen gemeinsam die Strophe des Kreuzwegliedes zur 13. Station.
     [siehe Kopiervorlage am Heftende]

[Sprecherin] Mutterschoß:
Die Mutter mit ihrem toten Sohn auf dem Schoß – Pieta: Trostbild für
Menschen in Not zu allen Zeiten. Denn sie, Maria, weiß, was Leid ist: Kaum
hat sie den Sohn in einem Stall geboren, muss sie mit ihrem Mann und dem
Kind fliehen. Kaum haben sie sich als Familie niedergelassen, verliert sie den
Heranwachsenden. Kaum hat er einen Freundeskreis gefunden, muss sie
tatenlos zusehen, wie er einen Unheilsweg geht. Kaum hat er das Ende
dieses Weges erreicht, steht sie zu Füßen des Sterbenden. Kaum hat er den
letzten Atemzug getan, legt man ihn ihr tot in den Schoß. – Nicht dem
Unheilsgeschehen der Welt als Spektake nachhetzen, sondern – wie Maria –
ihm standhalten, trotz allem auf das Heil hoffen und nicht aufgeben, das
Leben zu suchen: das gäbe dem Leben eine Chance. Überall auf der Welt.
[V] Vom Schmerz gezeichnete Mütter und ihre toten Kinder. Am Ende welcher
Unheilswege begegnen wir ihnen? Kreuzestode: 30.000 Kinder jeden Tag,
weltweit. Durch Hunger und Durst, mangelnde Gesundheitsversorgung, Krieg
und Vertreibung. Bekommen wir das wirklich mit? Den Tod der Kinder, den
Schmerz der Mütter?
Wir beten um Gottes Erbarmen:

[V] Von unserer Scheu, mit dem Tod zu leben,

[A] befreie uns, Herr. [einen Augenblick lang Stille]

[V] Von der Hinnahme vermeidbaren Sterbens

[A] befreie uns, Herr. [einen Augenblick lang Stille]

[V] Von Stumpfsinn

[A] befreie uns, Herr. [einen Augenblick lang Stille]

[V] Herr Jesus Christus, der du als Toter im Schoß deiner Mutter ruhst,

[A] erbarme dich über uns und über die ganze Welt.

 

   

Jesus wird ins Grab gelegt



Jesus
wird
ins Grab gelegt

XIV. Jesus wird ins Grab gelegt

[V] Wir beten dich an, Herr Jesus Christus, und preisen dich,

[A] denn durch dein heiliges Kreuz hast du die Welt erlöst.
      [Oder: Vers singen, siehe Kopiervorlage am Heftende]

[Sprecher] Jesus im Grab. Der Kreuzweg nach Golgota hinauf ist kein Weg, der
offen endet. Es geht nicht weiter; da ist eine halbhohe Mauer, die den
Weg versperrt. Am Grab hört der Weg auf. Ende. Am Grab verstummt
das Leben. Wieder sind es die Frauen, die da sind und trauern – um ihn,
um das Leben, das mit ihm gestorben ist. Dicht gedrängt suchen sie Halt,
geben sie einander Halt. Dieses letzte Bild ist ein Bild des Schweigens.
Nichts Bedrohliches mehr liegt über dem Geschehen. Im Gegenteil: im
Hintergrund wächst ein großes Blatt, Leben sprießt aus der dunklen
Erde. Die Frauen sehen es nicht, denn sie schauen zum Grab. Aber es
ist schon da, das neu keimende Leben.

 

 

 

 

[V] Wir singen gemeinsam die Strophe des Kreuzwegliedes zur 14. Station.
      [siehe Kopiervorlage am Heftende]

[Sprecherin] Menschen fallen ins Schweigen:
Nicht allein das dicht gedrängte Zusammenstehen am Grab schafft Gemeinschaft,
sondern das Teilen der Trauer und das gemeinsame Aushalten
gibt dem Leben eine Chance. – Nicht das Verstummen öffnet das Ohr des
Herzens, sondern das gemeinsame Hören auf das Wort gibt dem Leben
eine Chance. – Nicht das Starren ins Grab weitet den Blick, sondern das
Suchen nach dem Blatt der Hoffnung gibt dem Leben eine Chance. – Nicht
das Abbrechen des Weges schafft neue Möglichkeiten, sondern den Weg
bis zum Ende mitgehen gibt dem Leben eine Chance. Überall auf der
Welt.

[V] Das war doch schon vorbei, bevor es angefangen hatte! Zu spät!
Lohnt nicht mehr! Tot und begraben! – Mit Jesus gehen bedeutet, bis
zum Ende mit ihm gehen. Und mit denen, die seinen Weg kreuzen: mit
den Lahmen und den Blinden, den Aussätzigen und den von Dämonen
Besessenen, den Zöllnern und den Sündern, den verkrümmten und
blutflüssigen Frauen, den Dirnen und der Frau aus Samarien. Mit Jesus
gehen bedeutet, den Weg ins Leben gehen. Schwer zu glauben. Hier
und jetzt. Nach all der Ungerechtigkeit. In all dem Leid.
Wir beten um Gottes Erbarmen:

[V] Von Kleinmütigkeit und Hoffnungslosigkeit

[A] befreie uns, Herr. [einen Augenblick lang Stille]

[V] Von allzu großer Verzweiflung

[A] befreie uns, Herr. [einen Augenblick lang Stille]

[V] Von zu wenig Ausdauer

[A] befreie uns, Herr. [einen Augenblick lang Stille]

[V] Herr Jesus Christus, der du in die Dunkelheit des Grabes gelegt wurdest,

[A] erbarme dich über uns und über die ganze Welt.

 

Abschluss der Kreuzwegandacht

[V] Frauen und Männer begleiten Jesus
auf seinem Weg bis unter das Kreuz.
Die Frauen sind die Letzten auf dem Weg
und die Ersten am Ostermorgen.
Im Lukas-Evangelium heißt es:

[L] Am ersten Tag der Woche gingen die Frauen mit den wohlriechenden
Salben, die sie zubereitet hatten, in aller Frühe zum Grab. Da sahen
sie, dass der Stein vom Grab weggewälzt war; sie gingen hinein, aber
den Leichnam Jesu, des Herrn, fanden sie nicht. Während sie ratlos
dastanden, traten zwei Männer in leuchtenden Gewändern zu ihnen.
Die Frauen erschraken und blickten zu Boden. Die Männer aber sagten
zu ihnen: „Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten? Er ist nicht hier,
sondern er ist auferstanden. Erinnert euch an das, was er euch gesagt
hat, als er noch in Galiläa war: Der Menschensohn muss den Sündern
ausgeliefert und gekreuzigt werden und am dritten Tag auferstehen.“
Da erinnerten sie sich an seine Worte. Und sie kehrten vom Grab in die
Stadt zurück und berichteten alles den Elf und den anderen Jüngern. (…)
Doch die Apostel hielten das alles für Geschwätz und glaubten ihnen
nicht. (Lk 24, 1-11)

[V] Wir singen gemeinsam die letzte Strophe des Kreuzwegliedes.
     [siehe Kopiervorlage am Heftende]

[V] Herr Jesus Christus,
wir glauben an deine Verheißung,
uns Leben in Fülle zu schenken.
Stütze in den Dunkelheiten unseres Lebens
diesen Glauben und hilf uns, einander zu glauben,
wenn wir voreinander Zeugnis geben vom österlichen Leben.
So rufen wir:

[A] Deinen Tod, o Herr, verkünden wir,
und deine Auferstehung preisen wir,
bis du kommst in Herrlichkeit.
Amen.

Verslied

Wir beten dich an, wir preisen dich, Herr,
dein Kreuz schenkt aller Welt das Heil.


Kreuzweglied

[Beginn] Er ging den Weg, den alle gehen bis in den Tod.
                Er lehrte uns das Leben sehen in aller Not.

Refrain: Verborgen in aller Dunkelheit liegt Lebens Fülle für uns bereit,
                verborgen in aller Dunkelheit liegt Lebens Fülle bereit.

[I.  Station]   Das Urteil ist so schnell gesprochen, ganz unbedacht,
                       die Lebenslinie scheint gebrochen durch rohe Macht. Refrain

[II. Station]   Des Kreuzes Schatten fällt als Zeichen auf seine Spur,
                       es anzunehmen, nicht zu weichen, kann Liebe nur. Refrain

[III. Station]  Er fällt zu Boden, ist am Ende mit seiner Kraft.
                       Er rafft sich auf, dass er’s beende, den Weg doch schafft. Refrain

[IV. Station]  Die Mutter steht vom Schmerz getroffen vor ihrem Sohn.
                       Sie kann nicht helfen, nur noch hoffen in all dem Hohn. Refrain

[V. Station]   Sie zwingen Simon mitzutragen an Jesu Last.
                        Er tut den Dienst, will Gutes wagen, wo man nur hasst. Refrain

[VI. Station]   Er zeigt sein Antlitz in dem Tuche, das sie ihm gibt.
                        In allem Leiden ihn nur suche, wer dienend liebt. Refrain

[VII. Station]  Er stürzt, von Folter aufgerieben, hin in den Staub,
                        wird weiter mit Gewalt getrieben, des Hasses Raub. Refrain

[VIII. Station]  Am Wegrand stehen Frauen, klagen, wehren dem Zug.
                        Ihr Wehgeschrei will allen sagen: es ist genug. Refrain 

[IX. Station]   Er fällt noch einmal, kann’s nicht zwingen, scheint ganz zerstört.
                       Sein Sturz ist schwer, ein hartes Ringen: niemand ihn hört. Refrain

[X. Station]    Am Ziel des Weges angekommen, auf Golgota,
                       die Kleider werden ihm genommen, bloß steht er da. Refrain

[XI. Station]   Sie packen ihn, um ihn zu schlagen mit hartem Schlag
                       ans Kreuz, und als sie’s grausam wagen, dunkelt der Tag. Refrain

[XII. Station]  Die Liebe stirbt. Der Leib geschunden, hängt da am Holz.
                       Der Hass hat ihn daran gebunden, tödlicher Stolz. Refrain

[XIII. Station]  Im Schoß der Mutter liegt geborgen der tote Leib,
                        darin die Sehnsucht tief verborgen, dass Hoffnung bleib’. Refrain

[XIV. Station] Sie betten ihn in dunkle Erde, ganz tief hinab,
                        und ahnen nicht, dass Leben werde noch aus dem Grab. Refrain

[Schluss]       Er ging den Weg, den alle gehen in aller Not.
                        Er ließ uns Auferstehung sehen, wo sonst nur Tod. Refrain

ZM